Die Hexe von Paris by Judith Merkle-Riley

Die Hexe von Paris by Judith Merkle-Riley

Author:Judith Merkle-Riley [Merkle-Riley, Judith]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3-404-12201-1
Published: 2012-11-16T16:00:00+00:00


Schon am nächsten Tage, als ich nach einem langen schwülen Nachmittag von einem Besuch am Stadtrand nach Hause zurückkehrte, lag auf dem Tisch im Erdgeschoß eine Schachtel mit einem riesigen Gebinde aus gelben Rosen. Alle meine Bediensteten hatten sich in dem schattigen unteren Stockwerk eingefunden. Die Vorhänge hatten sie zum Schutz vor der alles durchdringenden Hitze zugezogen. Mustafa fächelte sich, während d'Urbec in Ermangelung eines Schlafrockes ein Bettlaken wie eine Toga um sich gewickelt hatte. Mit großen Gesten ließ er sich vor den Versammelten über die Philosophie von Marcus Aurelius aus. Gilles saß neben der Küchentüre auf einem niedrigen Schemel und polierte das Silber, und Sylvie hatte meinen zweitbesten Lehnstuhl mit Beschlag belegt, wo sie Strümpfe stopfte, während sie d'Urbecs Ausführungen über die Quellen menschlichen Glückes lauschten.

»So, es hält nicht nur keiner für nötig, mir die Türe zu öffnen, sondern Ihr seid alle – oh, was ist das?« Ich brach die zornige Lektion ab, als ich das kleine Blumengebirge erspähte. Sylvie erhob sich hastig vom Lehnstuhl und zog sich einen Schemel aus der Küche heran.

»Wir haben sogar davon Abstand genommen, die Karte vor Eurer Rückkehr zu lesen«, verkündete d'Urbec.

»Das will ich meinen«, erwiderte ich, und indem ich meine Handschuhe wieder anzog, nahm ich vorsichtig die gravierte Karte aus der Schachtel und schüttelte sie sachte, ehe ich sie las. Ich merkte, daß d'Urbecs Augen nichts entging. »Oh, uff, Brissac. Die Neuigkeit spricht sich wahrlich geschwind herum.« Ich sah Sylvie streng an, und sie blickte so starr auf das Stopfei, als wolle ihm jeden Augenblick ein Küken entschlüpfen. »Die lavendelblauen Bänder – sieht aus wie eine Arbeit von La Pelletier, nicht wahr? Dann ist es harmlos. Diesmal wird es ein Liebespulver sein.« Ich fuhr mit einem behandschuhten Finger über die gelben Blütenblätter. Einige grüne Kristalle blieben an meinem Handschuh kleben. »Widerwärtiger Kerl«, sagte ich. »Sylvie, halt dir ein nasses Tuch vor Mund und Nase und schüttele die Blumen draußen vor der Hintertüre aus, bevor du sie in die Vase stellst. Ich habe gelbe Rosen gern, daher werde ich sie nicht fortwerfen.«

»Ihr scheint sehr viel mehr von der Welt zu wissen, Marquise, als das kleine Mädchen, das heimlich Petronius las.«

»Wir leben und lernen, Monsieur d'Urbec«, sagte ich, indes ich Sylvie zusah, wie sie mit den Blumen durch die Küche stürmte. »Liebespulver, Erbschaftspulver, Lebewohlsträußchen, lieblich parfümierte italienische Handschuhe; die elegante Welt ist heutzutage nichts für Narren – oder für Memmen.« Ich wandte mich um und sah seine wachsamen Augen. »Ich bitte Euch nur, mir zu glauben, daß das nicht mein Metier ist. Ich sage nur wahr, ohne es wahr zu machen.«

»Dann glaube ich Euch. Duc de Brissac interessiert sich für Euch, wie ich höre? Ihr müßt Euch vor einer solchen Freundschaft hüten. Er ist ein heilloser Verschwender, der seine Mätressen und – anderen Freundinnen ruiniert. Als nouvelliste von Beruf wird es mir ein Vergnügen sein, Euch mit Einzelheiten aufzuwarten.« Sein Ton war unbeschwert, neckend, als wüßte er, daß ich wünschte, der gestrige Tag wäre nie gewesen.

»Schön, Monsieur nouvelliste, wenn ich darauf bauen kann, daß



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